Compressoren

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STA Level - Vari Mu Compressor auf Röhrenbasis

Neben den ganzen Vorverstärkern habe ich seit vielen Jahren einen Urei 1178 im Rack, der aufgrund seiner Flexibilität auf vielen verschiedenen Signalen eingesetzt werden kann. Dennoch scheint es an der Zeit, ihm einige weitere Kompressoren an die Seite zustellen.

Am besten nochmal ein Retro-Röhrenprojekt und wenn schon, dann einen flexibel einsetzbaren Klassiker. Ich entschied mich für den GATES STA Level. Ein Vari Mu Compressor in Vollröhren-Design auf Basis der sagenumwobenen 6386 Röhre, die auch im Fairchild tonnenweise zum Einsatz kommt. Diese Röhre wurde viele Jahre nicht mehr produziert, wird nun aber von JJ wieder angeboten. Im Mittelpunkt der Frontplatte steht ein schönes Retro-VU-Meter der Marke Simpson. Der Schaltplan sah auf den ersten Blick nicht so aufwendig aus, um dem Original zu folgen, entschied ich mich zudem für die Point2Point-Verkabelung.

Der STA Level ist - obwohl deutlich älter - ebenfalls wie die Urei’s dieser Welt sehr simpel zu handhaben. Die bis zu 40dB!!! einstellbare Gain-Reduction wird über den Input gesteuert. Der Output-Regler ist lediglich ein PAD mittels dem das Ausgangssignal um bis zu 6 dB gedämpft werden kann. Die Ratio beträgt 3.3:1. Attack- und Release-Zeiten werden über den Recovery-Regler eingestellt, wobei über den Stufenschalter feste Regelwerte vorgehalten werden, die von langsam bis schnell eingestellt werden können. Über den Single/Double/Tripple-Regler stehen insgesamt 18 Attack-/Release-Kombinationen zur Verfügung, die allesamt auch bei höherer Gain-Reduction sehr musikalisch klingen.

Der Einsatz des STA-Level-Compressors ist vielfältig. Sowohl Einzelsignalbearbeitung von Drums über Klavier, Gitarre und Vocals als auch Summenbearbeitung - alles ist möglich. Summenbearbeitung? Ist das denn ein Stereo-Compressor? Nein. Also war der Gedanke von Anfang an da, zwei zu bauen, um sie auf Summe oder Subgruppe einsetzen zu können.

Die bekannte Firma RETRO Design baut diesen Compressor bis heute und ich gebe zu, dass ich mich optisch daran orientierte.

Gehäuse

Der Kompressor kommt in einem klassischen Klappfront-Gehäuse daher, das ich so nirgends finden konnte. Ich nutze meine Projekte gern dazu, neue Dinge auszuprobieren, um daran zu lernen, auch wenn dabei manchmal Lehrgeld zu zahlen ist. Im Falle des STA LEVEL habe ich das gewünschte Gehäuse in CAD gezeichnet und 3fach bei Laserteile Online fertigen lassen. Die Laser- und Biegeleistung sowie das Material waren im Vergleich zu einem Standard-Gehäuse nicht wesentlich teurer. Einziges Manko: Es kam umbeschichtet daher. Hier die CAD-Ansicht des Mittelteils, dass um Deckel, Boden, Frontplatte und Rackohren ergänzt wurde. Für die Zeichnung habe ich das Freeware-Programm "FreeCAD" genutzt.

Nach Anlieferung ergänzte ich die Löcher auf der Rückseite für XLR-Buchsen, Röhren und Trafos. Danach ging es an die Lackierung. Der Vorlage von Retro Design folgend sollte es eine Hochglanz-Lackierung werden. Folgende Arbeitsschritte brachten mittels handelsüblichen 1k Spraydosen den gewünschten Erfolg:

-Alu mit 400er Schleifpapier trocken anschleifen
-entstauben und mit Metallreiniger abwaschen
-mit Silikonreiniger abwischen
-Alu-Grundierung mit mittlerer Schichtdicke auftragen
-Grundierung Schrittweise mit 1000er, 1500er, 2000er Nassschleifpapier schleifen
-nach Trocknung von mind 24h mit Silikonspray abwischen
-Farbton dünn aber gleichmäßig deckend auftragen
-nach ausreichender Ablüftzeit (ca. 30 min) sofort ohne Zwischenschliff Lack mit mittlerer Schichtdicke auftragen
-nach Trocknung von mind 24h mit 1000er, 1500er, 2000er Nassschleifpapier schleifen und mit Silikonreiniger abwischen
-weitere Lackschicht mit mittlerer Schichtdicke auftragen und 2 Tage trocknen lassen
-mit 1000er, 1500er, 2000er und 2500er Nassschleifpapier schleifen
-mit mittelfeiner und feiner Polierpaste bis Hochglanz polieren

Grundierung, Farbe und Lack:

Allerdings musste ich bei den Frontplatten Lehrgeld zahlen. Die Frontplatten sollten nach dem Lackieren zum Fräsen und Bedrucken. Das Fräsen wird mit Alkohol als Kühlmittel durchgeführt. Das war zu viel für den 1k-Lack, es bildeten sich Flecken, so dass ich die Lackschicht der Frontplatten nochmal neu aufbauen musste. Es wäre besser gewesen, benzinfesten 2k-Lack zu verwenden. Den hatte ich allerdings nicht und so verwendete ich wieder den vorhandenen 1k-Lack. Nach Fertigstellung wickelte ich die Frontplatten in Folie und schickte diese erneut zum Bedrucken. Leider war es an diesen Tagen sehr warm und so reagierte der Lack mit der Folie und es entstand ein lustiges Muster auf der Lackoberfläche. Also nochmal schleifen und die Lackschicht neu aufbauen. Diesmal wickelte ich die Platten in Papier ein und sie kamen unversehrt beim Frontplatten-Kollegen an und wurden bedruckt. Und die Lehr’ aus der Geschicht‘, benzinunfester Lack bringt es nicht.

Auch wenn es etwas Mühe gemacht hat: Die Gehäuse sind einfach toll geworden und ich bin damit sehr zufrieden.

Verkabelung

Nach Anbau der durchaus großen Sowter-Input und Edcore-Output-Trafos sowie des Netz-Trafos hatte das Gehäuse schon ordentlich Gewicht. Auch die Röhrenbestückung ist mit 7 Röhren beim STA Level recht üppig. Die Netzteil-Kondensatoren verstaute ich - wie bereits bei meinen Pultec-EQ’s - in hübschen Retro-Alu-Becher-Elkos, die ich vorher ausschlachtete. Bevor es an die Verkabelung ging, selektiert ich zunächst Widerstände mit exakt gleichen Werten für 2 Geräte. Auch bei den Röhren kaufte ich gematchte Paare - im Falle der 6V6 ein gematchtes Quartett. Danach überlegte ich mir die Anordnung der Bauteile auf den Lötleisten, wobei ich systematisch den Schaltplan abarbeitete und die Lage der Röhren und Trafos berücksichtigte. Das zweite Gerät wurde exakt gleich aufgebaut. Die Anzahl der Bauteile ließ sich nur in zwei Etagen realisieren. Das war schon ordentlich Arbeit, die man angesichts des Schaltplanes unterschätzt. Das Projekt ist vom Umfang sicher nichts für Einsteiger.

Nacharbeit

Dann das erste Einschalten. Zunächst sah alles ganz normal aus, allerdings ließ sich das GR-Meter nicht auf 0 stellen. Auch die Spannungen an den Messpunkten stimmten teilweise nicht. Irgendwie hatte ich sofort den Netztrafo in Verdacht. Ich hatte mich hier beim Kauf der Hammond 370BX-Trafos von Bildern einiger Nachbauten aus dem Internet leiten lassen. Erst danach bemerkte ich, dass die maximale Stromstärke des Hammond 370BX im Vergleich zu den originalen technischen Daten aus dem Handbuch des STA Levels schon sehr knapp bemessen war. Also kaufte ich auf Verdacht den leistungsfähigeren Hammond 370DX Trafo nach und siehe da, der Compressor arbeitete einwandfrei und die Spannungswerte an den Messpunkten gingen in die richtige Richtung. Leider ist der 370DX Trafo größer, so dass ich für die Montage mit voll verkabeltem Innenleben nochmal die Bohrmaschine ansetzen musste. Zum Glück passte der Trafo noch gerade auf das Gehäuse und es ging bei der Montage alles glatt.

Nachdem der Compressor grundsätzlich funktionierte, war noch etwas Fine-Tuning hinsichtlich des Ein- und Ausgangspegels notwendig. Der Schaltplan weist ein Input-Pad auf, bei dem ich mich fragte, ob man es benötigt. Dies war nur durch Ausprobieren herauszufinden. Bei höherem Eingangspegel (z. B. Summensignalen) macht es Sinn, das Input-Pad zu nutzen. Der Compressor greift dann weniger stark ins Signal ein. Möchte man jedoch Einzelsignale stärker komprimieren, empfiehlt es sich, ohne das Pad zu arbeiten. Hier lässt sich eine Gain-Reduction von bis zu 40 dB realisieren. Um flexibel zu bleiben, habe ich das Eingangs-PAD innerhalb des Gerätes schaltbar gestaltet. So kann ich es hinzuschalten, wenn ich den Compressor auf der Summe nutze. Der Ausgangspegel war hinter dem Ausgangs-PAD sehr hoch. Um den Pegel in ein mit Blick auf mein Studioumfeld vernünftiges Maß zu bringen, entschied ich mich, dem vorhandenen Original-Pad ein weiteres H-Pad nachzuschalten. Mit Blick auf den vorhandenen Bestand an Widerständen entschied ich mich, eine zusätzliche Dämpfung von 15dB am Ausgang zu realisieren. Das funktioniert bisher sehr gut.

Hier noch einige Impressionen: